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Erkenntnisse der re:publica 2018

Die re:publica 18 in Berlin zählt laut eigener Angaben der Veranstalter zu den größten europäischen Konferenzen mit Themen zu Digitalisierung und Gesellschaft. In diesem Jahr stand die re:publica unter dem Motto „POP“. Unter anderem weil die Gründer der Konferenz davon überzeugt sind, dass das Internet im Mainstream angekommen ist, aber auch, weil sich daraus eine Art Popkultur entwickelt hat. Deshalb wollten die Macher mit der diesjährigen Konferenz in den Mainstream der digitalen Popkultur eintauchen und sie für die Allgemeinheit öffnen – manifestiert vor allem durch das Netzfest am letzten Tag der Konferenz. Für die insgesamt rund 10.000 Besucher gab es einen eigenen Fachkonferenz-Bereich sowie einen extra Track. Mit dem Motto „POP“, was auch für „Power of the People“ steht, wurden die Besucher in den drei Tagen der Konferenz zu mehr Engagement und Tatkraft aufgerufen.

Wir waren vor Ort und stellen für Euch heute – die für uns interessantesten Erkenntnisse der Konferenz – zusammen.

Im Fokus der diesjährigen Konferenz standen vor allem Künstliche Intelligenz (KI), Netzpolitik, Netzkultur und Algorithmen – insgesamt war man auf der Suche nach Antworten für datenschutzfreundliche Alternativen. Dabei ging es weniger um die Möglichkeiten der Technik, als um die damit verbundenen Gefahren. Besonders der Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica und der Wunsch vieler Speaker, die Datenmacht und Dominanz von Facebook, Google und Co. zu zerschlagen, regte viele Diskussionen an. Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit diesem Thema war der Wunsch nach einer freien und sicheren Alternative zu Facebook.

Stargast Chelsea Manning

Besonders Stargast Chelsea Manning – die US-Whistleblowerin, die tausende geheimer Dokumente über die US-Amerikanische Kriegsführung im Irak und Afghanistan, unzensiert an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergegeben hatte und dafür bis 2017 im Gefängnis saß – wurde mit frenetischem Applaus gefeiert. Sie warb für die Idee, ProgrammiererInnen und EntwicklerInnen zu mehr Verantwortung für ihren Code und ihre Produkte zu verpflichten.

Ich meine, wir sind in einer vergleichbaren Lage wie Ärzte. Und wie Ärzte sollten wir ethische Standards haben. Standards, die die Grundlage unserer Entscheidungen bilden und nach denen wir handeln. Wir schaffen nicht einfach nur Code, wir schaffen Produkte und wir wissen, wie sie gebraucht, aber auch wie sie missbraucht werden können. Wir können nicht länger sagen, hier sind die Tools und ihr als Gesellschaft werdet schon sehen, wie ihr damit umgehen müsst. Das müssen wir selber tun.

KI und die Zukunft des Marketings

Außerdem als besonders spannend, empfand Stephan den Vortrag von Sven Krüger, CMO T-Systems, über KI und die Zukunft des Marketings. Inhalt seiner Podiumsdiskussion war, dass Krüger davon überzeugt ist, dass in naher Zukunft jeder erste Kundenkontakt ein Bot-Kontakt sein wird. Mit der kontinuierlichen Digitalisierung unserer Gesellschaft und den noch mehr automatisierten und individualisierten Inhalten, die uns zur Verfügung stehen werden, werden wir uns seiner Meinung nach in einer insgesamt komfortableren Welt bewegen. Das Marketing wird in Zukunft die Aufgabe haben, diese neue Welt nutzerorientiert zu gestalten, d.h. abseits der Technologie das User-Interface zu optimieren. Das Streben nach Kosteneffizienz der Unternehmen wird dazu führen, dass in Call- oder Contacts-Centern die Menschen nahezu vollständig durch intelligente Sprachassistenten ersetzt werden können. Für Marketingverantwortliche ist ein umfassendes Technologie Know-How, sowie ausreichend zur Verfügung stehende Mittel, unabdinglich, um Kostenvorteile ausnutzen und den Kundennutzen maximieren zu können. Kundenrelevante Ideen umzusetzen und sich positiv differenzieren zu können, bleibt durch den schnellen Innovationswechsel und tendenziell sinkenden Preisen auf den hochskalierten digitalen Märkten, wichtig.

Sie können – Kapital vorausgesetzt – flexibel und schnell agieren und sich beispielsweise über Cloud-Services leistungsfähige Arbeitsumgebungen on-demand gestalten, wo Konzerne erst Systeme und Mitarbeiter auslasten oder im negativen Fall sogar mühsam und teuer abbauen müssen.

Sven Krüger äußerte sich auch zu den Vorteilen von Start-ups, der vor allem daraus besteht, dass sie weder Marktanteil, Umsatz oder ein bestimmtes Zielergebnis zu verlieren haben. Diese Angreiferposition und die Möglichkeit schneller agieren zu können, zeigen deutliche Vorteile gegenüber großen Konzernen. Außerdem glaubt der T-Systems CMO daran, dass KI in circa 10 Jahren sogar das Smartphone überflüssig machen wird.

Der Post-Bot und das FABmobil

Post-Bot

Der Roboter der Deutschen Post AG, der bei der Postzustellung helfen soll, wurde auf der re:publica 18 vorgestellt. Er sieht aus wie ein gelber Briefkasten auf Rädern und ist mit einem Licht-Radar, dem sogenannten LiDar mit Rundumsicht ausgestattet. Die Intelligenz im Bot ermöglicht das Wahrnehmen von Hindernissen und vor allem das Erkennen der Beine seines Post-Boten oder seiner Post-Botin. Wichtig ist, dass der Post-Bot auch Richtungsänderungen wahrnimmt und hinter seinem Zusteller mit maximal 6 km/h einen 8 bis 9 Stunden Tag absolviert. Körperliche Erleichterung schafft der Bot durch das Einladen der Briefsendungen. Dadurch fällt der Handkarren weg und auch Steigungen oder Berge können gemeinsam mit dem Post-Boten/der Post-Botin mühelos bewältigt werden.

FABmobil

Die Macher des FABmobils bezeichnen es selbst als „Kunst-Kultur-Technologie-Zukunfts-Labor-Werkstatt“ und ermöglichen Kindern, die nicht in den großen Metropolen dieser Welt leben, einen Zugang zu digitalen Technologien zum Selbstgestalten und Kreativwerden. Mit an Bord sind 3D-Drucker, Lasercutter, eine Bibliothek mit ausgewählten Werken, eine CNC-Fräse, alle möglichen Werkzeuge und Maschinen, alle Dinge, die man zum Programmieren braucht – Mikrocontroller Boards wie Arduino oder Raspberry Pi – sowie Utensilien wie Kabel, Motoren, Sensoren und LEDs, die man zum Löten gebrauchen kann. In Kursen, aber auch in offenen Formaten, bringen die Macher den Kindern das Erstellen von 3D-Modellen bei, die sie dann selbstständig und ohne große Anleitung selbst erstellen und in die Welt bringen können. FAB Labs, Fertigungswerkstätten und Makerspaces gibt es meist nur in den großen Städten und Metropolen – nicht aber auf dem Land. Ziel ist es also, eine offene Digital- und Internetkultur den Kids direkt vor die Haustür zu bringen.

Hoffnung auf schnelle Lösungen enttäuscht

Am Ende bleiben wenig konkrete Antworten. Das Netz ist Mainstream, wie die Gründer der re:publica durch das Motto „POP“ bereits erkannt haben – Popkultur, „Power of the People“ und eine Gesellschaft, die online ist, zeigen, dass das Internet zugleich bunt, dennoch so gespalten wie die Gesellschaft, aber vor allem sehr komplex ist. Die Vorträge auf der Konferenz waren spannend, bleiben im Detail aber sehr abstrakt. Wenn man wie der Gründer Sascha Lobo selbst für eine Gesellschaft kämpft, in der „eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken, knutschend an jedem Ort mit einer stillenden Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzen kann – ohne Angst um ihre Existenz haben zu müssen“, dann braucht das vermutlich noch Zeit.

Deshalb bekommen die Besucher auch keine einfachen Antworten und Lösungen auf ihre Fragen, denn einfache Antworten auf komplizierte Fragen bieten nur Trickbetrüger.

Jan Böhmermann, der ebenfalls Speaker der diesjährigen Konferenz war, sagte in seiner Keynote folgendes:

Es ist nur eine kleine Gruppe, die uns den Spaß am Internet kaputt macht. Dann machen wir halt Gegenlärm und erobern das Netz zurück. Als Gesellschaft haben wir die besten Voraussetzungen dafür.

Spannende Inhalte der Berliner Zeitung im re:publica Newsblog

Alle Speaker in der Zusammenfassung auf Youtube

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